Der deutsche Stromanbieter Tibber hat am 11. September 2026 eine Funktion namens Grid Rewards freigeschaltet. Sie vergütet Fahrerinnen und Fahrer von Elektrofahrzeugen dafür, dass das Unternehmen mit weniger als einer Stunde Vorlauf entscheiden darf, wann genau ihr Auto Strom zieht.
Was die Funktion tatsächlich tut
Tibber verkauft bereits Smart Charging, das am Vortag anhand der Day-Ahead-Preiskurve günstige Stunden auswählt. Grid Rewards arbeitet in einem kürzeren Takt. Wenn die Wind- oder Solarerzeugung unerwartet ansteigt oder es im Netz zu einem Engpass kommt, kann Tibber einen Ladevorgang mit weniger als einer Stunde Vorlauf verschieben und verkauft diese Flexibilität am Intraday-Markt der Strombörse. Der Erlös fließt als Gutschrift auf der Stromrechnung zurück.
Technisch werden die Fahrzeuge der Kunden dabei zu einem virtuellen Kraftwerk gebündelt. Seine bestehende VPP-Kapazität in Norwegen, Schweden und den Niederlanden beziffert Tibber auf mehr als 2 GW.
Eines ist es ausdrücklich nicht: Hier geht es um Lastverschiebung, nicht um Vehicle-to-Grid. Das Auto nimmt Strom zu günstigeren Zeitpunkten auf. Es speist niemals etwas zurück.
Die Zahlen, die Tibber nennt
| Pro Jahr | |
|---|---|
| Grid Rewards allein | bis zu 150 EUR |
| Mit Smart Charging | bis zu 440 EUR |
| Inklusive des deutschen reduzierten Netzentgelts für steuerbare Verbrauchseinrichtungen | bis zu 630 EUR |
Alle drei Werte gehen von 10.000 km pro Jahr aus. Das ist eine bescheidene Jahresfahrleistung, was in beide Richtungen wirkt — es handelt sich nicht um einen aufgeblähten Bestfall auf Basis eines Vielfahrers mit 30.000 km, bedeutet aber auch, dass die Beträge mit der tatsächlich zu Hause geladenen Strommenge skalieren.
Wilko Klaassen, der das deutsche und niederländische Geschäft von Tibber leitet, hat die Ökonomie dahinter klar benannt: Grid Rewards seien „keine Subvention, die Tibber zahlt — es sind Erlöse aus dem Handel mit der Flexibilität der Kunden.”
Was Sie dafür brauchen
Ein Smart Meter, einen volldynamischen Tarif, bereits aktiviertes Smart Charging und eine kompatible Wallbox. Zusätzliche Kosten fallen nicht an; die Funktion ist im bestehenden Abonnement enthalten.
Die Anforderung an die Wallbox ist der Haken, den man vor der Anmeldung prüfen sollte. Viele Tesla-Fahrer in Deutschland laden an einer Wallbox, die Tibber ansteuern kann, viele andere verlassen sich jedoch auf die fahrzeugeigene Ladezeitplanung — und Tibber hat nicht veröffentlicht, welche Hardware qualifiziert ist. Wenn die minutengenaue Steuerung über die Box statt über das Auto laufen muss, entscheidet das darüber, ob das Angebot für Sie überhaupt verfügbar ist.
Der Vergleich — und wo das Angebot sonst noch in Europa landet
Es ist das zweite deutsche Flexibilitätsprodukt innerhalb von zwei Tagen. Audi und Octopus Energy haben einen Vehicle-to-Grid-Tarif freigeschaltet, der einen Monatsbonus von 30 EUR zahlt, dafür aber 300 Stunden angesteckt pro Monat verlangt — rund zehn Stunden täglich — und nur mit zwei Audi-Modellen funktioniert.
Tibbers Variante ist die weniger ambitionierte und weitaus breiter anwendbare der beiden. Keine Rückspeisung, keine bidirektionale Wallbox, keine Liste freigegebener Fahrzeuge, eine kleinere Schlagzeilensumme — und keine der Fragen zur Batteriezyklisierung, die die Normungsarbeit zum AC-seitigen Vehicle-to-Grid noch immer klärt.
Für Tesla-Fahrer in Deutschland mit einem dynamischen Tarif lautet die ehrliche Zusammenfassung: ein kleiner Gewinn ohne große Bindung dafür, dass man die Kontrolle darüber abgibt, wann das Auto über Nacht lädt. Ob 150 EUR das wert sind, hängt ganz davon ab, wie planbar Ihre Morgen sind.
Die größere europäische Frage ist, welcher Markt als Nächstes drankommt. Tibber betreibt sein virtuelles Kraftwerk bereits in Norwegen, Schweden und den Niederlanden, Deutschland kommt nun hinzu — die Euro-Beträge oben sind allerdings deutsche Werte, denn sie hängen an den deutschen Intraday-Preisen und am deutschen reduzierten Netzentgelt für steuerbare Verbrauchseinrichtungen, das in den anderen drei Ländern keine Entsprechung hat. Fahrzeughalter anderswo in Europa sollten damit rechnen, dass der Mechanismus reist, die Zahlen aber nicht. Welcher Markt als Nächstes folgt, hat Tibber nicht gesagt.