Elon Musk hat diese Woche damit verbracht, ein Video eines Tesla-Besitzers zu verbreiten, der sagt, er schaue nicht mehr darauf, wohin sein Auto fährt. Der Besitzer ist 98. Teslas Anwälte verteidigen zur selben Zeit rund zwei Dutzend Verfahren, deren zentrales Argument lautet, dass der Fahrer hätte hinschauen sollen.

Was in dem Clip zu sehen ist

The Fast Lane veröffentlichte ein Interview mit Larry, einem 98-Jährigen aus Farmington, New Mexico. Er hat mehr als 100 Autos besessen — fünf Mustangs aus den Jahren 1964 und 1965, angefangen mit einem Ford Model A von 1931 — und hat sich gerade ein Model Y gekauft, das er mit FSD (Supervised) für Fahrten in der Stadt nutzt.

Auf die Frage, wie weit er dem System vertraue, sagte er: „Ich vertraue ihm zu 100%.” Zu Kreuzungen befragt, sagte er: „Ich will nicht an jeder Kreuzung hinschauen” und „Ich will nicht hinschauen, es macht das einfach.”

Sawyer Merritt schnitt diesen Abschnitt heraus und stellte ihn auf X. Musk teilte den Clip mit einem Herz-Emoji als Zitat. Inzwischen hat er 9 Millionen Aufrufe überschritten. Tesla North berichtete am 10. September 2026 über den Clip, Electrek zog am 11. September nach.

Warum die Verbreitung die eigentliche Nachricht ist

Das Verhalten selbst ist nicht selten. Zwei Tage zuvor hatte ein Mitglied des Kongresses 43 Videos offenbar schlafender Tesla-Fahrer gezählt und dazu an den Verkehrsminister geschrieben. Der Unterschied liegt hier darin, wer das Video verbreitet hat.

FSD (Supervised) trägt die Überwachungspflicht bereits im eigenen Namen. Genau diese Pflicht ist das tragende Element von Teslas Position vor Gericht: Wenn ein Fahrzeug mit Autopilot oder FSD verunglückt, argumentiert Tesla, der Fahrer sei verantwortlich, weil er hätte aufpassen müssen.

Urteil Benavides, Geschworenengericht am Bundesgericht Miami August 2025, $243 Millionen, Tesla zu 33% haftbar
Antrag nach dem Urteil abgewiesen 20. Februar 2026, Richterin Beth Bloom
Derzeit in der Berufung US Court of Appeals for the Eleventh Circuit, Nr. 26-10858
Geschätztes Gesamtrisiko bis zu $14,5 Milliarden in rund zwei Dutzend Verfahren

Anwälte der Kläger sammeln solches Material, und ein Besitzer, der vor laufender Kamera erklärt, er schaue bewusst nicht auf die Straße, ist die denkbar klarste Illustration der Lücke zwischen dem, was das Handbuch verlangt, und dem, wozu das Produkt einlädt. Vom Vorstandschef an Millionen Menschen verbreitet, ist das kein Fehlgebrauch durch einen Besitzer mehr — es ist Verhalten des Unternehmens.

Es ist zudem ein Muster und kein Ausrutscher. Tesla wurde bereits zuvor dafür kritisiert, im eigenen Marketing Aufnahmen zu verwenden, die Fahrer ohne Überwachung zeigen, und Tesla hat mindestens einen tödlichen Autopilot-Fall still beigelegt, statt sich einer zweiten Jury zu stellen.

Was das für Europa bedeutet

Rechtlich bislang nichts. Keines dieser Verfahren läuft vor einem europäischen Gericht, und FSD (Supervised) ist nur in sechs europäischen Märkten zugelassen, wo es zudem in einer älteren Version als in Nordamerika läuft.

Die Relevanz liegt hier im Regulatorischen. Der Weg zu einer breiteren europäischen Zulassung von FSD führt über den UNECE-Rahmen, und die Frage, die den dortigen Regulierern vorliegt, ist nicht, ob die Software kompetent fährt. Sie lautet, ob man sich darauf verlassen kann, dass ein Fahrer ein System überwacht, das gut genug ist, um das Überwachen sinnlos erscheinen zu lassen — genau jener Fehlermodus, den Larry beschreibt, gut gelaunt und für alle dokumentiert.

Das ist die Frage, die eine europäische Zulassung beantworten muss. Teslas Vorstandschef hat gerade ein Herz unter die falsche Antwort gesetzt.

Tesla hat sich nicht geäußert.