Der Softwarespezialist für autonomes Fahren Imagry und der spanische Bushersteller UNVI haben eine Partnerschaft für den Bau selbstfahrender Elektrobusse angekündigt. Das erste gemeinsam entwickelte Fahrzeug — ein 10,3 Meter langer Elektrobus — soll im dritten Quartal 2026 in Deutschland in Betrieb gehen.

Ein kartenfreier Ansatz

Technisch interessant ist das, was der Bus nicht an Bord hat. Das System von Imagry kommt ohne HD-Karten aus: Statt sich an einer zentimetergenau vorab erstellten Karte der Strecke zu orientieren, erfasst es die Umgebung und plant die Fahrt aus dem, was seine Sensoren im jeweiligen Moment sehen — so, wie ein menschlicher Fahrer eine unbekannte Straße liest.

Dieser Unterschied wiegt bei Bussen schwerer als bei Robotaxis. HD-Karten sind teuer in der Erstellung und vor allem teuer in der Pflege. Eine Buslinie, die monatelang durch Baustellen, provisorische Umleitungen oder eine neu asphaltierte Kreuzung führt, ist genau der Fall, in dem ein vorab kartiertes System neu vermessen werden muss, bevor man ihm wieder vertrauen kann. Ein kartenfreier Stack soll solche Veränderungen aufnehmen, ohne dass zuvor ein Vermessungsfahrzeug ausrücken muss.

Imagry liefert den kompletten Autonomie-Stack — Umfelderfassung, Bewegungsplanung und Fahrzeugsteuerung —, während UNVI das Fahrzeug beisteuert. Nach Angaben der beiden Unternehmen dauerte die Integration weniger als drei Monate. Das ist für ein Straßenfahrzeugprogramm schnell und deutet darauf hin, dass die Busplattform bereits mit den passenden Schnittstellen konstruiert wurde.

Für die europäische Zulassung ausgelegt

Der Bus wird auf die europäische Gesamtfahrzeug-Typgenehmigung (Whole Vehicle Type Approval) in Übereinstimmung mit GSR2 vorbereitet, der Allgemeinen Sicherheitsverordnung der EU. Genau darauf sollten europäische Leserinnen und Leser achten. Zahlreiche Projekte mit autonomen Shuttles liefen auf abgeschlossenen Geländen oder unter einmaligen nationalen Ausnahmegenehmigungen. Das belegt zwar, dass die Software funktioniert, führt aber zu einem Fahrzeug, das sich nicht EU-weit verkaufen lässt.

Von Anfang an nach WVTA und GSR2 zu entwickeln, zielt auf einen Bus ab, der als Produkt homologiert und nicht als Experiment geduldet wird. Das ist der langsamere Weg — und der erheblich nützlichere, wenn das Ziel Flotten und nicht Pilotversuche sind.

Was bislang nicht gesagt wurde

Bei den Details halten sich beide Unternehmen auffällig bedeckt. Batteriekapazität, Reichweite und Ladeleistung des Busses wurden nicht offengelegt. Auch die deutsche Stadt oder das Verkehrsunternehmen, das das erste Fahrzeug übernimmt, wurde nicht genannt. Und es wurde nicht gesagt, ob der Bus von Beginn an vollständig fahrerlos unterwegs sein wird oder zunächst mit einem Sicherheitsfahrer an Bord startet — jenes eine Detail, das am stärksten darüber entscheidet, wie bedeutend der Einsatz tatsächlich ist.

Solange das nicht geklärt ist, handelt es sich um ein glaubwürdiges Programm mit einer unbelegten Schlagzeile. UNVI möchte die Zusammenarbeit nach eigenen Angaben auf weitere Fahrzeugkonfigurationen ausweiten und verweist dabei auf Flughäfen, Universitäten und Krankenhäuser — jene abgeschlossenen, sich wiederholenden Umgebungen mit niedrigen Geschwindigkeiten, in denen autonome Shuttles bislang am ehesten überzeugt haben.

Warum das wichtig ist

Die Autonomie ist in Europa im öffentlichen Verkehr schneller vorangekommen als bei privaten Pkw, und zwar aus einem einfachen Grund: Ein Bus fährt eine feste Route mit niedriger Geschwindigkeit unter der Regie eines professionellen Betreibers. Das ist eine weit besser beherrschbare Aufgabe als ein Privatwagen, der überall dorthin fährt, wohin sein Besitzer ihn lenkt. Hier ist auch die Wirtschaftlichkeit am klarsten, angesichts des Fahrermangels, mit dem viele europäische Verkehrsbetriebe zu kämpfen haben.

Ein typgenehmigter autonomer Elektrobus, der in diesem Quartal in Deutschland in Dienst geht, wäre ein echter Gradmesser dafür, wie weit dieser Weg inzwischen gediehen ist — vorausgesetzt, der Einsatz erweist sich als so fahrerlos, wie die Ankündigung nahelegt.