Die US-amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) hat formell ein internes Tesla-Dokument mit dem Titel „Radar Saves Us” angefordert — eine Anfrage, die ihre Untersuchung zu Full Self-Driving unmittelbar auf die folgenschwerste technische Entscheidung des Unternehmens lenkt: die Aufgabe des Radars zugunsten eines Systems, das ausschließlich auf Kameras setzt.

Was die Behörde verlangt

Die Forderung ist in einer 24-teiligen Informationsanfrage verborgen, die das Office of Defects Investigation (ODI) der NHTSA am 2. Juli 2026 an Tesla richtete. Das von ODI-Direktorin Tanya Topka unterzeichnete und an Teslas Field-Quality-Director Eddie Gates adressierte Schreiben ist die formelle Informationsanfrage innerhalb von EA26002 — der technischen Analyse, zu der die NHTSA im März 2026 die frühere FSD-Sichtbarkeitsuntersuchung hochgestuft hatte.

Eine technische Analyse ist die schwerwiegendere der beiden Untersuchungsstufen der NHTSA und in der Regel der letzte Schritt, bevor eine Behörde auf einen Rückruf drängen kann. Tesla hat bis zum 12. August Zeit, umfassend zu antworten. Bei einer unvollständigen Antwort drohen zivilrechtliche Strafen von bis zu 27.874 $ pro Tag, gedeckelt bei rund 139 Millionen $.

Die Unfälle hinter der Untersuchung

Die Untersuchung betrifft rund 3,2 Millionen Tesla-Fahrzeuge und konzentriert sich auf neun Unfälle, bei denen FSD bei eingeschränkter Sicht aktiviert war, darunter ein Todesfall und eine Verletzung. In jedem Fall waren die Bedingungen ähnlich — Sonnenblendung, Nebel oder aufgewirbelter Staub, der die Kameras beeinträchtigte, auf die sich Teslas System vollständig verlässt.

Genau deshalb ist das Dokument „Radar Saves Us” von Bedeutung. Tesla entfernte vor einigen Jahren die Radar-Hardware aus seinen Fahrzeugen und wechselte zu einer rein kamerabasierten Architektur unter der Bezeichnung Tesla Vision mit dem Argument, ein gut trainiertes neuronales Netz, das Kamerabilder auswertet, könne einer Kombination aus Kamera und Radar ebenbürtig sein oder sie übertreffen. Bereits der Titel des Dokuments legt nahe, dass sich einige Ingenieure im Unternehmen mit diesem Kompromiss unwohl fühlten — und die NHTSA möchte offensichtlich sehen, was geschrieben wurde.

Warum europäische Halter sich dafür interessieren sollten

Die Untersuchung ist eine US-Angelegenheit, doch ihre Auswirkungen reichen weit über amerikanische Straßen hinaus. Tesla bemüht sich aktiv um die Zulassung von FSD (Supervised) in ganz Europa, wo die Behörden im Rahmen des UNECE-Regelwerks und über nationale Typgenehmigungsbehörden arbeiten, die genau diese Art von Sensor- und Zuverlässigkeitsfragen prüfen. Die Glaubwürdigkeit des rein kamerabasierten Ansatzes ist für dieses Vorhaben von zentraler Bedeutung.

Sollte die Analyse der NHTSA zu dem Schluss kommen, dass die Entfernung des Radars die Fähigkeit von FSD, mit schlechter Sicht umzugehen, messbar verschlechtert hat, werden europäische Behörden, die Teslas Zulassungsanträge prüfen, diese Erkenntnisse voraussichtlich stark gewichten. Eine bundesbehördliche Feststellung in den Vereinigten Staaten würde die EU-Behörden nicht automatisch binden, sie würde jedoch die Sicherheitsdebatte auf beiden Seiten des Atlantiks prägen.

Wie es weitergeht

Tesla hat sich zu der konkreten Dokumentenanfrage öffentlich nicht geäußert. Das Unternehmen muss die Unterlagen bis zur Frist im August herausgeben oder die Anfrage anfechten. Was auch immer es vorlegt, wird nicht sofort veröffentlicht, doch das Ergebnis von EA26002 könnte darüber entscheiden, ob Tesla eine Rückrufanordnung droht — wegen des Verhaltens seiner Fahrzeuge, wenn die Kameras nicht klar sehen können — und wie selbstbewusst das Unternehmen dieselbe Technologie europäischen Käufern anbieten kann.